„Glauben Sie, dass Schüler in 100 Jahren noch Lektüren lesen und Deutschabitur schreiben?“ Der Literaturkritiker Denis Scheck staunte nur kurz über die Frage der Lenderschüler Sarah El Omari, schmunzelte dann doch etwas und hatte nach einem kleinen Scherz über das Älterwerden und die Endlichkeit des Menschseins eine klare Meinung: „Ich bin der festen Überzeugung, dass Literatur uns lange überleben wird. Ich mache mir da auch keine Sorgen um die Literatur“, meinte sehr überzeugt Denis Scheck, der mit der Literaturkritikerin Anne-Dore Krohn Gäste des Kuratoriums der Heimschule Lender waren. Die öffentliche Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Lender bewegt“ statt und sie befasste sich nach der Begrüßung von Adrian Keller (Kuratorium) mit den aktuellen Abiturlektüren „Corpus Delicti“ und „Woyzeck“ für das Allgemeinbildende Gymnasium und „Der zerbrochene Krug“ und „Heimsuchung“ für das Berufliche Gymnasium. Deshalb war die neue Aula mit Schülern der Kursstufe sehr gut gefüllt, es gab viele interessante Fragen der angehenden Abiturienten und kluge Antworten der beiden Protagonisten deutscher Literaturkritik zum persönlichen Weiterdenken der Schüler.
„Sie haben uns Literatur in ihrem Selbstwert nahe gebracht, fernab von Noten und Klausuren“, so Schulleiter Marco Cataldo. Er brachte damit den großen Gewinn dieser einmaligen „Unterrichtsstunde“ auf den Punkt, die bei den Zuhörern eine „Saite zum Klingen brachte und Resonanz bewegte.“ Dies bezog der Schulleiter nicht nur auf seine Motivation, die Lektüre „Corpus Delicti“ von Juli Zeh zu lesen, sondern auf die Diskussion und die vielen sehr guten und tiefgehenden Fragen. Daran wurde deutlich, dass die in vielen Medien präsenten und herausragenden Literaturkenner tatsächlich etwas in den Schülern ausgelöst haben, die sich im Abiturfach Deutsch mit den Sternchenthemen aus der Feder von Georg Büchner, Heinrich von Kleist, Juli Zeh und Jenny Erpenbeck auseinandersetzen müssen. Dazu bekamen sie von Denis Scheck und Anne-Dore Krohn auf fachlich brillante Weise und in faszinierender Sprache neue Zugänge zur Literatur und zur Interpretation speziell der Abithemen gelegt, die keine schnellen Antworten auf mögliche Fragen wie die einer Schülerin „welche Bedeutung haben die Kanaillevögele und das astronomische Pferd im Woyzeck“ lieferten, sondern einen weiten Raum der Vertiefung, Deutung und Kritik eröffnete.
Was Denis Scheck und Anne-Dore Krohn vortrefflich den Schülern vermittelten, war ihre Liebe zum Wort und zur Literatur, in der sich das Leben und Menschsein in all seinen existenziellen Facetten, Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten offenbart und mit dieser Ambivalenz den Leser konfrontiert. Der kann gleichsam in die Haut von völlig anderen Menschen schlüpfen, um die Welt und das Leben aus anderen Perspektiven zu betrachten und zu spüren, dass es da noch andere Stimmen gibt. „Für mich ist dann Literatur ein Ort des Trostes und der Empathie, wo ich mich verstanden fühle, so Anne-Dore Krohn, während Denis Scheck feststellte: „Literatur war für mich immer etwas, mich aus Zwängen zu befreien.“
Text & Fotos: Roland Spether





