In kalten Schlafräumen schlafen, vor dem Unterricht auf dem Acker arbeiten und in unbeheizten Klassenzimmern Latein, Griechisch und Mathematik lernen, wäre für heutige Schüler des Lender-Gymnasiums völlig undenkbar. Doch zum Auftakt der Altsasbachertage wurde ihnen genau dieses „Schulklima“ vor Augen geführt, als „Herr Lender“ (Kerstin Charenton) von einem Gesprächspartner (Solveig Sonntag) danach befragt wurde, wie er vor 150 Jahren seine Schule im Pfarrhaus gründete, die ersten zehn Knaben unter dem Dach schliefen und später etwas „komfortabler“ in der alten „Zehntscheuer“ wohnten. Diese wurde in antiker Verehrung „Mausoleum“ genannt, weil hier Mäuse ein Paradies an Nahrung vorfanden. Die ganz alten Altsasbacher unter den 300 Jubilaren konnten noch solche uralten Geschichten erzählen, die etwas jüngeren hielten zwischen Internat, Krankenvilla und Lenderbad nicht minder köstliche parat.
Dass Vereinigung der Altsasbacher um ihren Vorsitzenden, Oberbürgermeister Manuel Tabor (Achern) und dessen Stellvertreter Adrian Keller (Sasbach) mit dem Lender-Gymnasium die Festtage mit einem Gedenkgottesdienst für verstorbenen Schüler, Lehrer und Schwestern eröffnete, sagt etwas aus über den „Lendergeist“. Denn seit der Gründung der Altsasbacher 1920 ist es ein zentrales Anliegen der heute über 6.000 Mitglieder, das „Freundschaftsband“ zwischen Jung- und Altsasbachern, zwischen Lebenden und Verstorbenen immer wieder neu zu „knüpfen“, wie es damals hieß. In dieser Tradition gab es wieder ein Gedenken, das Schüler der sechsten Klassen mit Gedanken und Fürbitten (Kerstin Charenton), mit moderner Musik und schönem Gesang des Unterstufenchores (Ulrich Noss und Christian Vierling) würdig gestalteten.
Wie der „Lendergeist“ klingt, durften die Gäste beim Festakt in der voll besetzten Aula erleben, als das Streich- und Sinfonieorchester (Leitung Ulrich Noss) Auszüge aus dem glänzenden Projekt für den Deutschen Jugendorchester-Preis „Die Würde des Menschen“ genießen. Wie facettenreich das Klangbild an der Lender ist, präsentierte der Jugendchor (Leitung Christine Alshut) mit dem Film-Song „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Beim Festgottesdienst mit Pfarrer Jürgen Schindler durften die Gäste moderne „Musica Sacra“ erleben, fein gespielt vom Musikprofil 10 (Leitung Ellen Krämer).
Nach Studien- und Berufsberatung, Lehrer-Schüler-Treff und viel Nostalgie beim Gang über den Campus, begrüßte Manuel Tabor die Jubilare zum Festakt. Seit über 100 Jahren sei die Geschichte der Altsasbacher geprägt von Zusammenhalt, christlichen Werten und Verantwortung über Generationen hinweg zu übernehmen. Gerade in der aktuellen Zeit voller politischen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und gesellschaftlicher Polarisierung gewinne schulische Bildung eine noch größere Bedeutung. „Denn sie ist das wirksamste Mittel, um jungen Menschen Orientierung, Werte und eigene Urteilskraft gerade gegen Extremismus, Hass und Intoleranz zu vermitteln“, so Tabor. Dazu leiste die Lender einen wichtigen Beitrag, nicht nur „kluge Köpfe“ zu bilden, sondern charakterstarke Menschen, die Verantwortung für sich, für andere und für die Gesellschaft übernehmen. Eine „besondere Verantwortung“ hätten auch die Lehrer, so Schulleiter Marco Cataldo, „um die Schule weiterzuentwickeln, gute Tradition zu bewahren und vernünftige Progression mitzugestalten.“ Denn künftig bedarf es junger Leute, die in Freiheit und Verantwortung die Gesellschaft positiv beeinflussen müsse. „Diesen Grundstein müssen wir an der Schule legen und im Sinne Lender die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken und sich nicht gemütlich in gegebenen Verhältnissen einzurichten.“ Diese Mentalität ist ganz im Sinne von Franz Xaver Lender, der von jungen Jahren an diese Haltung durch seinen unermüdlichen Einsatz in Gesellschaft, Staat und Kirche lebte, wie der frühere Schulleiter Hubert Müller in seiner eindrucksvollen Festrede „Vom Geist Lenders zum Lendergeist“ darlegte. Aus gut recherchierten Quellen und mit fundierter Reflexion spannte er einen Bogen von dem jungen, revolutionären Lender der 1848er Jahre, seinem Einsatz für Freiheit, politische Mitwirkung und soziale Gerechtigkeit bis zu seinem Wirken als Priester, Politik und Schulgründer. Deshalb war er „aus Tradition progressiv“, was Maßstab für den „Lendergeist“ sein könnte.
Text & Fotos: Roland Spether












