Als der Lendergeist von der Empore herunter kam und Richtung Chorraum lief, waren viel Schüler des Jubiläumsgottesdienstes der SMV anlässlich 150 Jahre Lender etwas überrascht, denn an manchen Stellen hielt er kurz an und wollte wissen: „Was ist eigentlich der Lendergeist?“ Eine Schülerin antwortete: „Für mich ist der Lendergeist eine Metapher für die Schulgeschichte und die Tradition unserer Schule.“ Eine weitere Antwort lautete: „Der Lendergeist ist für mich die Verbundenheit von Schülern mit der Lender auch nach ihrer Schulzeit.“ Und eine dritte Antwort: „Für mich ist der Lendergeist der Zusammenhalt unter Schülern und die Freundschaften, die während der Schulzeit entstehen.“ Mit diesen Antworten zeigte sich der Lendergeist zufrieden. Doch er räumte auch ein, dass es schwierig sei, den Lendergeist genau zu beschreiben. Das Musikprofil 10 unter der Leitung von Jürgen Bruder brachte ihn mit schönen Melodien zum Klingen, dazu gehörte auch die Lender-Hymne: „Heimschule Lender, da bin ich daheim“.
Der Gottesdienst zum 150. Jubiläum der Heimschule Lender entstand während des SMV-Wochenendes auf Herrenwies, wo der Gottesdienst in einem von mehreren Workshops vorbereitet und von Schülerseelsorger Gabriel Breite und Religionslehrerin Birgit Plagge begleitet wurde. Als Thema wurde das Leitwort aus dem Psalm 111, 10 genommen: „Der Anfang der Weisheit ist die Ehrfurcht vor Gott.“ Davon handelte auch die Ansprache der SMV-Mitglieder, die diesen Satz aus ihrer Perspektive interpretierten: „Ehrfurcht heißt so viel wie Respekt oder Hochachtung vor Gott. Durch den christlichen Glauben erhalten wir also Werte und Moral, die wir nutzen können, um unser Wissen sinnvoll anzuwenden. Gott gibt unserem gelernten Wissen eine gute Anwendung. Er legt den Grundpfeiler für ein gutes Miteinander und eine funktionierende Gesellschaft. Doch Ehrfurcht vor Gott bedeutet auch Ehrfurcht vor dir selbst: Ich denke, dass sich viele Leute gerade zur Zeit viel zu ernst nehmen, und sich auf Dinge versteifen: Gute Noten zu haben, beim Wettkampf abzuräumen, beim nächsten Fußballspiel den Gegner vom Platz zu fegen. Oder die neueste Mode zu tragen. Wir kaufen Dinge, um anderen zu gefallen. Und uns selbst? Was gefällt mir selbst gut? Habe ich Ehrfurcht, Hochachtung, Respekt vor mir selbst?“
Deutlich wurde: „Wichtig ist, dass du selbst hinter zu dir und deinen Taten stehen kannst. Dass du zu deinen Werten stehst und auch mal etwas anders machen kannst, als mit der Masse der Menschen mitzulaufen. Auch das ist Weisheit. Und genauso hat es auch unser Schulgründer gemacht. Man wurde denken, dass unser Schulleiter der brave Kerl in der ersten Reihe war, der immer eine Antwort auf jede Frage parat hatte. Kurz gesagt: Unser Schulgründer war ein Schulabbrecher. Das heißt jetzt nicht, dass ihr alle seinem Vorbild folgen sollt und die Schule abbrechen sollt – dann bekäme ich ein dickes Problem mit unserer Schulleitung.
Mir geht es darum, dass Lender immer das gemacht hat, wovon er selbst überzeugt war. Er stand hinter seinen Taten, auch wenn sie nicht immer die Meinung der Masse vertreten haben. Lender selbst hat sich auch kritisch gegenüber der Kirche geäußert – und sich damit ziemlichen Ärger eingehandelt. Ja, Lender selbst war ein Rebell und nicht der Standard-Vorzeigeschüler. Und wir alle werden auch nicht die perfekten Vorzeigeschüler sein. Mir ist nur wichtig, dass ihr Dinge auch mal hinterfragt und Dinge unterstützt, hinter denen ihr wirklich steht. Genießt das Leben und tut, was euch Spaß macht.
Natürlich sollten wir, vor allem wir aus dem Abschlussjahrgang, auch mal lernen – das Abi steht bald vor der Tür. Aber niemand wird uns am Ende des Lebens fragen: „Na, wie war dein Abi?“ Man wird uns fragen: „Und, warst du glücklich? Hast du gelebt?“ Lender selbst hat gelebt. Und er hat mit seinem Tun die Welt verändert. Na ja, nicht die ganze Welt. Aber er hat sich nicht nur schulisch engagiert, sondern auch politisch für die ärmeren Leute stark gemacht und sogar eine Bank gegründet. Wenn er solche Veränderungen in die Wege leiten konnte, könnt ihr das auch. Es muss ja nicht direkt die Eröffnung einer Bank sein, aber nehmt eure Ideen und versucht daran festzuhalten. Aus uns allen wird später mal mehr oder weniger etwas. Sogar unsere Tutorin meinte mit Schrecken, dass wir später einmal ihre Ärzte beziehungsweise Chirurgen werden konnten … und die werden nicht mal richtig schreiben können. Ihr verändert die Welt mit allem, was ihr tut, und so hat Lender seine kleine Welt und sein Umfeld mit seinem Tun verändert. Er hat diese Schule gegründet, von der wir heute in vielen Dingen profitieren. Dieser Lendergeist oder auch Freigeist soll uns als Schüler an dieser besonderen Schule inspirieren und uns ein bisschen zum Nachdenken anregen. Sei du selbst ein bisschen Rebell und tu nicht immer das, was man von dir erwartet, zumindest in Maßen und nicht in Massen. Sei selbst kreativ. Die Welt hat Platz für dich und deine eigenen Ideen.
Text & Bilder: Roland Spether





