Aktuell wird schmerzhaft deutlich, wie wichtig eine geschlossene europäische Stimme in der Welt wäre. Vor allem für Europa selbst. Oft uneins und belächelt als Bürokratiemonster macht die Europäische Union jedoch nicht immer eine gute Figur. Umso wichtiger ist es, dass jungen Menschen der europäische Gedanke und die Bedeutung der Europäischen Union bewusstwerden.
Dem Politologen Ingo Espenschied gelang es am Mittwoch in der Aula der Heimschule Lender 150 Neuntklässlern mit seiner Multimedia-Live-Erzählung „75 Jahre Europa“ ebendiesen Kontext zu verdeutlichen. Eingeladen zu der Veranstaltung aus der Reihe DokuLive hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Schulleitung.
Ingo Espenschied spannte zunächst den ganz großen Bogen von Karl dem Großen über das Heilige Römische Reich bis heute. Er erinnerte daran, dass Europa die Welt bis ins 19. Jahrhundert im Guten wie im Schlechten dominiert habe. Im Schlechten durch den Kolonialismus, im Guten durch seine Vorreiterrolle in Wissenschaft, Philosophie und Kultur. Ohne Not habe Europa die Welt dann in eine Katastrophe gestürzt. „Vor dem Ersten Weltkrieg fehlte es Europa an nichts“, betonte Espenschied. Nach dem Ersten Weltkrieg lag Europa in Trümmern und fortan dominierten andere Mächte die Welt.
Geradezu sensationell sei es daher gewesen, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, alte Feindschaften hinter sich zu lassen und Ideen für ein vereintes Europa zu entwickeln. Der französische Außenminister Robert Schumann, dessen visionäre Pläne die Presse damals als „Schumann-Bombe“ bezeichnete, haben sich zu einem guten Teil bis heute durchgesetzt. Allerdings nicht auf die Schnelle und nicht ohne Rückschläge. „Bis heute gab es in der Entwicklung der Europäischen Union immer Fortschritte und Krisen“, erklärt Espenschied und betont, dass die EU als supranationale Organisation demokratischer Staaten in dieser Form einzigartig sei in der Welt. Die Mitgliedschaft, so Espenschied mit Blick auf Großbritannien, sei ja auch freiwillig. Ein Austritt – wie man an Großbritannien sehe, keineswegs vorteilhaft.
„Und Warum sind wir noch in der EU? Weil wir von ihr profitieren.“ Wirtschaftlich, politisch, kulturell. Alleine habe Deutschland nur einen Anteil von einem Prozent der Weltbevölkerung und fände damit international kaum Gehör. Eine selbstgewählte Ausgrenzung käme gerade für Deutschland als Exportnation und Staat mit neun Nachbarländern einem politischen Selbstmord gleich.
Unkritisch sieht Espenschied die Entwicklung der EU mit ihren Aufs und Abs aber auch nicht. Europa bleibe ein Prozess. Und es gehöre in einer Demokratie eben auch dazu, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren, die nicht der eigenen Meinung entsprechen.
„Demokratie verlangt Aktivität“, so Espenschied. Der Ball liege im Feld, jetzt sei es an uns diesen auch aufzunehmen.
Text & Fotos: Mathias Feigenbutz



